Kids4Cats: Kinder lesen für Katzen | GELIEBTE KATZE Magazin
Samtpfoten beruhigen und beschäftigen

Kids4Cats: Kinder lesen für Katzen

Eine neue Organisation lässt Katzenherzen höherschlagen und Kinder das Lesen üben: Kids4Cats. Die Gründerin Ursula Mensah gibt Kindern die Möglichkeit, Katzen in Tierheimen vorzulesen. Das beruhigt und beschäftigt die Katzen einerseits, lässt aber auch die Kinder das Lesen üben und Verantwortung übernehmen.
 
Reportage: Kids4Cats: Kinder lesen für Katzen © Anna Raithel
Die Tierheimkatzen genießen es sehr und sie hören aufmerksam zu, wenn die Kinder ihnen vorlesen.
Neben dem Geruch der Katzen liegen Aufregung und ein Gefühl von Ungeduld in der Luft im Katzenhaus des Münchner Tierheims. Der runde Raum, von welchem viele Türen in die einzelnen Katzengehege abgehen, hat in der Mitte eine Art Insel, auf der Pflanzen und ein paar Transportboxen für die Katzen stehen. Mit den zwei kleinen Tischchen bleibt nicht mehr sehr viel Platz für die Besucher. Das macht aber nichts, denn die Kinder wollen sowieso so schnell wie möglich zu ihren Schützlingen, den Katzen. Mit Büchern in der Hand warten sie auf Ursula Mensah. Die kommt auch gleich mit einem Tierpfleger, welcher bei der Einteilung der Katzen hilft. Denn nicht jeder Katze kann vorgelesen werden. Manche sind zu scheu oder noch zu neu im Katzenhaus und sollen nicht überfordert werden.

Samira weiß schon ganz genau, wo sie hin möchte, zu dem ein Jahr alten Janni. Ihm hat sie bereits vergangenes Wochenende vorgelesen. Sie ist zehn und mit ihrem Bruder Noah und ihren Eltern gekommen. Zu Hause haben sie auch schon eine Katze, daher ist der Umgang mit Katzen für Samira nicht neu. Janni ist ein wunderschöner, schwarz-weiß gemusterter Kater. Sein Gesicht sieht aus, als hätte er eine schwarze Kappe auf, und seine grünen Augen funkeln spitzbübisch. Gespannt sitzt er auf seiner Box und schaut durch die Gittertür nach draußen. Als Samira vorsichtig seine Tür öffnet, damit er nicht entwischen kann, fängt sein Schwanz an zu zucken, und er springt ihr mit einem eleganten Satz entgegen. Sogleich umspielt er ihre Beine und lässt sich streicheln. Man merkt ihm seine Freude an. Denn auch wenn die Katzen Spielzeug und Fenster in ihren Gehegen haben, an die Aufmerksamkeit und Zuneigung eines Menschen reicht das nicht ran. Samira positioniert sich auf Jannis Box. Dort kann sie gemütlich sitzen, und der Kater hat genügend Platz auf ihrem Schoß. Nach einer ausgiebigen Schmuse-Einheit und ein wenig Spielen mit einer grauen Stoffmaus geht es los. Samira beginnt zu lesen.

Währenddessen bekommen auch die anderen Kinder Katzen zugeteilt. Leah und ihre Mutter Jessica Zauner sind Unterstützer der ersten Stunde. Seitdem Frau Mensah die Vorlesestunde im Münchner Tierheim gestartet hat, sind die beiden dabei. „Die Idee von Kids4Cats stammt eigentlich aus den USA“, erklärt die Veranstalterin. Nachdem sie mehrere Reportagen dazu im Fernsehen gesehen hatte, beschloss sie, diese großartige Idee auch nach Deutschland zu bringen. Seit Februar 2014 ist sie Gründerin und Vorsitzende der Privatinitiative für Streuner- und Tierheimkatzen. „Die Idee, Kindern die Möglichkeit zu geben, Verantwortung zu übernehmen und Katzen zu helfen, ließ mein Herz gleich höherschlagen.“ Dass die Kinder dabei auch gleich noch lesen üben, ist ein wunderbarer Nebeneffekt.

Abschied nehmen tut weh

Leah kann zwar schon richtig gut lesen, freut sich aber sehr über die Tatsache, den Katzen etwas Gutes zu tun. Heute ist sie allerdings etwas betrübt. Leo, der Kater, dem sie eigentlich immer vorgelesen hat, ist gestorben. Er war zwar schon sehr alt, aber Abschied tut immer weh. Ihre heutige Zuhörerin ist eine ältere Dame, die 13-jährige Jana. Die weiße Katze hat unregelmäßig flauschiges, weiches Fell und sieht ein wenig aus wie die Katze einer Magierin. Sie hat ein größeres Zimmer als Kater Janni und lebt auch schon länger im Tierheim. Als Leah und Frau Mensah den Raum betreten, bleibt Jana erst mal auf der Decke auf ihrer Box sitzen und wartet. Leah nährt sich ihr vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken. Sie geht in die Hocke, damit sie auf Augenhöhe sind, und streckt ihr ihre Hand zum Schnuppern hin. Jana riecht interessiert, steht dann auf und lässt sich streicheln. Das erste Kennenlernen läuft gut, sie mag Leah.

Im Eck neben dem Fenster steht ein Stuhl, dort setzt die Schülerin sich hin. Das Buch, das sie für heute ausgesucht hat, ist eine Katzengeschichte: „Kennt ihr alle Karlchen Kralle?“ „Wenn ich es schaffe, lese ich immer das ganze Buch vor. Die Katzen wollen ja schließlich auch wissen, wie es zu Ende geht“, erklärt Lea. Sie ist neun Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Sobald sie beginnt zu lesen, spitzt Jana ihre Ohren. Die Katze betrachtet das Mädchen aufmerksam und lauscht offensichtlich der Geschichte. Hin und wieder schaut Jana aus dem Fenster, wobei ihr eines Ohr immer in Richtung des Stuhls gedreht bleibt. Leahs Mutter verrät mir, dass sie zu Hause schon zwei Katzen haben, Lucy und Findus. Lucy kommt aus Spanien und Findus aus einem Pferdestall. Die soziale Einstellung gegenüber bedürftigen Tieren macht also auch vor den eigenen vier Wänden keinen Halt – schön! „Aber die Möglichkeit, noch eine Katze mit nach Hause zu nehmen, ist dadurch nicht gegeben“, erklärt Frau Zauner.

Unerwartetes Happy End

Bei Familie Erhardt ist das anders. Sie haben bisher nur eine Katze zu Hause. Da ist es natürlich schwer, der Versuchung zu widerstehen, noch ein weiteres Tier mitzunehmen. Tochter Samira und Kater Janni sind so verliebt ineinander, dass Samira gar nicht mehr aus seinem Zimmer kommen will. Und auch ihr Bruder Noah findet, dass der Kater perfekt in die Familie passen würde. Samira hat sich mittlerweile von ihrem Bruder bei Janni im Käfig ablösen lassen. Sie steht stattdessen vor ihren Eltern, mit verschmitztem Blick und einem bittenden Schmollmund bietet sie gerade ihr Taschengeld an, die Hände dabei gefaltet wie beim Betteln und in Richtung Mutter gerichtet: „Ich gebe auch mein Taschengeld dazu.“ Die Mutter grinst und erklärt, sie könne das nicht ohne den Vater entscheiden. Der steht bereits vor der Gittertür und beobachtet seinen Sohnemann mit Janni beim Spielen. Samira umarmt ihren Vater und säuselt: „Ist er nicht süß, Papa?“ Der Vater lacht und sagt: „Wenn es euch so wichtig ist ...“ Samira kann ihr Glück kaum fassen. Die Eltern gehen mit den Kindern zu einem Pfleger, um die Formalitäten zu klären.

„Das sind natürlich die schönsten Fälle, wenn eine Tierheimkatze durch das Lesen mit den Kindern ein neues Zuhause findet“, sagt Ursula Mensah. In erster Linie geht es aber darum, die Katzen zu erfreuen und den Kindern zu zeigen, was Verantwortung ist. Und Verantwortung übernehmen, das machen Leah, Florian, Samira und Noah in der Tat. Fast jedes Wochenende kommen sie und lesen den Katzen vor. Ihnen ist bewusst, dass die Tiere sich auf sie freuen und sie machen Werbung bei ihren Freunden für Kids4Cats. Wer jetzt selber Lust bekommen hat, sich zu engagieren, kann sich auf der Website www.kids4cats.de informieren. 


Text: Anna Raithel
 


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Dieser Artikel ist in unserer Zeitschrift Ausgabe 11/2015 erschienen.
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