Wenn das Kippfenster für die Katze zur Falle wird | GELIEBTE KATZE Magazin

Wenn das Kippfenster für die Katze zur Falle wird

Nur einmal das Fenster falsch gestellt, und schon war das Unglück passiert. Der kleine Kater Kiesel war beim Versuch, durch das gekippte Fenster aus dem Garten zurück ins Haus zu gelangen, im Fensterspalt hängen geblieben.
 
Gekippte Fenster sind eine schreckliche Falle für Katzen. © animals-digital.de
Gekippte Fenster sind eine schreckliche Falle für Katzen.
Gekippte Fenster sind eine schreckliche Falle für Katzen. Die meisten wollen, umgekehrt wie Kiesel, hinaus ins Freie und bleiben dabei mit dem Bauch im Fensterspalt hängen. Abhängig davon, wie lange die Katze eingeklemmt bleibt und wie heftig ihre vergeblichen Befreiungsversuche sind, ist dann meist auch die Schwere ihrer Verletzungen. Da die Katze nämlich immer tiefer nach unten rutscht, wird ihr Körper zwischen Rippenbogen und Becken zusammengedrückt. Schäden der Gefäße (wodurch die Blutversorgung unterbrochen wird), Muskulatur, Nerven, inneren Organe, vor allem der Niere, und der Wirbelsäule inklusive Rückenmark sind die Folge.

Handgriffe zur Befreiung

Darum gibt es nur eins, wenn eine Katze in diese Zwangslage geraten ist: Das Tier muss sofort aus dem Fenster befreit werden. Dazu fasst man mit einer Hand unter den Brustkorb der Katze, greift mit der anderen unter den Bauch und hebt die Katze ein klein wenig an, wirklich nur so viel, dass der Helfer sie in die größere Öffnung des Fensters hinein heben und herausholen kann. Genauso lebenswichtig ist der nächste Schritt: Man wickelt die Katze in eine Decke und bringt sie sofort zum Tierarzt oder in die Tierklinik. Auf keinen Fall darf der Besitzer oder Retter warten, ob sich die Katze vielleicht doch von selbst erholt, denn sie kann zu den Wirbelsäulenproblemen und Lähmungserscheinungen auch innere Verletzungen haben. Beurteilen kann das nur der Tiermediziner. In der Praxis bzw. Klinik wird die Katze untersucht und entsprechend der Art und Schwere der Schäden behandelt. In der Regel bekommt die Katze Infusionen zur Stabilisierung ihres Kreislaufs. Gespritzte Cortisone wirken entzündungshemmend und zugleich als Radikalfänger für die giftigen Stoffwechselprodukte, die nach dem Trauma entstehen, sobald dann mit dem Blut auch wieder Sauerstoff ins Gewebe gelangt. Starke Schmerzmittel (Morphiumpräparate) sind meist ebenfalls notwendig.

Physiotherapie bei Kippfenstersyndrom

Oft sind die Hinterbeine der Katze gelähmt, dabei ist eine Seite häufig schlimmer betroffen als die andere. Doch ist die Hoffnung auf Heilung groß, denn die Lähmung kann mit der richtigen Therapie rückgängig gemacht werden. Diese positive Erfahrung hat das Neurologen-Team um Professor André Jaggy von der Veterinär-medizinischen Fakultät der Universität in Bern gemacht. An der Universitäts-Tierklinik setzen die Tiermediziner auf die Physiotherapie als unterstützende Maßnahme bei der Behandlung der neurologischen Schäden. Wie eine von ihnen durchgeführte Studie belegt, konnten 74 Prozent der Katzen mit Kippfenstersyndrom so vollständig geheilt werden. Dr. Iris Kathmann vom Mitarbeiter-Team Professor Jaggys erzählt, dass bei allen Katzen in der Klinik eine Physiotherapie eingeleitet wird. Mindestens dreimal täglich wird eine Patientin dabei zehn Minuten lang behandelt. Anfangs ist die Massage der Muskulatur an den Hinterbeinen wichtig. Sie fördert die Durchblutung und den Abtransport schädlicher Stoffwechselprodukte, löst Muskelkrämpfe und Verklebungen im Gewebe. Die Druckstärke bei der Massage, das Kneten der Muskeln wird auf die Schmerzreaktion des Tieres abgestimmt.

Der Massage folgt die passive Bewegung. Da die Patientin ihre Hinterbeine noch nicht selbst bewegen kann, bewegt der Physiotherapeut die einzelnen Gelenke sanft in einem größtmöglichen Aktionsradius, beugt und streckt anschließend das ganze Bein. Das fördert die Ernährung der Gelenkknorpel und hilft, die Funkion der Gelenke zu erhalten und wiederherzustellen.

Auf Muskel-Massagen folgt Gangschulung

Sobald die Muskelschmerzen nachlassen und die Katze ohne Schmerzmedikamente auskommt (was nach durchschnittlich zwei bis drei Tagen der Fall ist), steht zusätzlich die aktive Bewegungstherapie auf dem Programm. Bei dieser Gangschulung in einer großen, gepolsterten Box hilft der Physiotherapeut der Katze, die schon von sich aus versucht, wieder auf die Beine zu kommen, bei jedem Schritt. Die aktive Bewegung ist die beste Methode, um die Funktionsfähigkeit der Beine wiederherzustellen. Das entwickelt Kraft und fördert die Koordination des Bewegungsablaufs. Bei kooperativen Katzen kann der Therapeut zur Gangschulung auch das Bewegungsschwimmbad einsetzen. In einer Wanne mit körperwarmem (38 Grad Celsius) Wasser fällt der Katze die Bewegung durch den Auftrieb viel leichter. Dabei fängt er mit ganz seichtem Wasser an, hält die Katze vorne und lässt sie im Wasser ihre ersten Schritte machen. Allerdings, gibt Tiermedizinerin Iris Kathmann zu, sind nur wenige Katzen für diese Heilmethode zu begeistern. Doch auch ohne das „Wassertreten“ hat sich die Physiotherapie wunderbar bewährt.
(Nina Blersch)
 
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